Landolf Scherzer

Ausverkauft
Mittwoch 13.04.11 19.30Uhr
Autor Landolf  Scherzer las „Urlaub für rote Engel“ und „Letzte Helden“
Moderation: Walter G. Goes

Eintritt: 5,- Euro incl einem Glas Wein

Der“Meister der literarischen Reportage“ beeindruckte 65 Zuhörer  mit einer literarischen Perfomance …


ARTus‐Kolumne »SO GESEHEN« Nr. 514

Der Menschensammler

Der Autor Landolf Scherzer las einen Tag vor seinem 70. Geburtstag in Gingst
Zeichnung: ARTus

Einen besseren Einstand für ihr Jahresprogramm 2011 hätte die charmante
Buchhändlerin Petra Dittrich aus Gingst kaum wählen können.
Der Autor Landolf Scherzer ist bekannt für seine die Zuhörerschaft gewinnende Art, ihn
Bewegendes zur literarischen Glanzstunde werden zu lassen, in der Heiterkeit und
Betroffenheit ein Wechselbad der Gefühle hinterlassen, wie es in dieser Dichte und
Aufeinanderfolge nur selten zu erleben ist. Wer am 14. April 2011 die Lesung (oder war
es nicht eher eine literarische Performance?) im ausverkauften Gingster BUCHLADEN
wahrnehmen konnte, kann nur beschenkt worden sein! Wenn Literatur als geronnene
Lebenserfahrung so vermittelbar ist, wenn sie so direkt Herz und Verstand erreicht, ist
das in unserer umtriebigen, so oft verlogenen Zeit nicht ein kleines Wunder?

Der 1941 in Dresden geborene Autor scheint seine Geburtstage gern im hohen Norden
mit seinen Lesern zu feiern. Am 14. April 2010 las Landolf Scherzer in der größten
Buchhandlung Mecklenburg‐Vorpommerns, der Rostocker Universitätsbuchhandlung
Thalia. Nur einen Tag vor der nun wirklichen Zäsur, dem Siebzigsten, dem sinniger
Weise und auf Scherzer zutreffend schon Goethe in seiner Rückschau auf ein solches
Jubiläum »freien Geist in Erdesschranken und freies Handeln« bescheinigte, fand sich
der Heinrich‐Heine‐Preisträger Scherzer in der wohl kleinsten, aber wohlfeil sortierten
Buchhandlung Rügens ein, las, in bewusster Veränderung von verkündeten Vorgaben
oder Programmen, aus seinem Lieblingsbuch »Fänger und Gefangene« (ein
unglaublicher Titel zu DDR‐Zeiten!) vom »Genossen Reparaturdirektor«, gab Einblicke
in das ihn heute noch berührende (Zusammen‐)Leben und Arbeiten auf einem
volkseigenen Fischtrawler, in groteske Unzulänglichkeiten einer Planwirtschaft, die nur
noch von der alles auffressenden, profitorientierten, global agierenden Marktwirtschaft
überboten wird.

Nicht zu vergessen (er hätte es fast vergessen!) das Kapitel »Hiddensee«, das man im
soeben erschienenen, mit einem Vorwort von Günter Wallraff versehenen
Reportageband »Urlaub für rote Engel« nachlesen kann, in dem von Grass und Grosz,
von Palucca und Henny Porten die Rede ist und vielem, vielem mehr.
Wir Gingst‐Anwesenden hörten am Mittwoch gern den Worten Landolf Scherzers zu, der
authentisch wider zu geben wusste, was den Bürgern auf der Seele liegt und Zündstoff
noch für Jahre bieten dürfte. Wallraff: »Er nähert sich als Fragender, zuweilen
Staunender; statt zu belehren, wundert er sich… Scherzer versucht… als `Schriftsteller
der Wahrheit` die Vergangenheit und Zukunft in Beziehung zur Gegenwart zu setzen,
und das mit Phantasie und solidem Handwerk«. Womit wir beim eigentlichen Thema
des Abends angelangt wären, Scherzers Versuchen sich Tschernobyl zu nähern. Da hat
einer offenen Auges in die kranken Seelen der Opfer geschaut! Und wir… haben das
einen beeindruckenden Abend lang begriffen. Dank Landolf Scherzer! ARTus

Foto`s von Janet Lindemann/Rügen